Neue Wohnstile nehmen Gestalt an

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Nicht nur die Menschen, auch das Design scheint in der Gegenwart angekommen zu sein, so ließe sich die Trendanalyse der IMM Cologne zusammenfassen. Die gefühlten und die realen Veränderungen werden uns zunehmend bewusst und schlagen sich auch im Lebens- und Einrichtungsstil nieder. Soziale Umwälzungen und die Gleichgewichtsverschiebungen in der Natur, aber auch Metamorphosen des Alltäglichen und das Empfinden persönlicher Verantwortung finden heute im Design einen materiellen Ausdruck. Altbekannte Dinge werden neu gesehen, kombiniert und konstruiert, Werte werden hinterfragt und neue ästhetische Regeln aufgestellt.
Einrichtungstrends im gesellschaftlichen Wandel
Erarbeitet werden die Interior Trends von einem fünf- bis sechsköpfigen Team aus Designern, Architekten, Materialexperten und Designjournalisten: dem Trendboard der IMM Cologne. In partiell wechselnder Zusammenstellung trifft es sich jedes Jahr im Sommer zu einem zweitägigen Workshop, in dem die über Monate gesammelten Eindrücke von den aktuellen Design- und Gesellschaftsentwicklungen verglichen und diskutiert werden. Die künftigen Konsumentenbedürfnisse werden unter den vier wichtigsten Einrichtungstrends versammelt und unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen, so genannten Milieus, zugeordnet. Anhand von Material- und Farbmustern werden die Erscheinungsformen der Interior Trends bis ins Detail bestimmt.
Die Interior Trends 2009
„Extra Much“ kündigt das Ende der formalen Zurückhaltung selbst bei jenen an, die eigentlich auf ein ausgeglichenes Miteinander von Farben und Formen, von Altem und Neuem Wert legen. In Abkehr vom Minimalismus darf es jetzt auch bei den Harmonie liebenden Konsumenten gerne ein bisschen mehr sein: komplexere und verspieltere Formen, neue Materialien wie technische Kunststoffe, ausdrucksstarke Farben von Maigrün über knallige Gelb- und Orange-Töne auf der Grundfarbe Blaugrün. Gesucht wird weniger der Ausgleich als das Extrem, man öffnet sich den neuen Technologien und virtuellen Welten. Das Design darf seinen eigenen Gesetzen folgen und infiziert Produkte und Lebensstile mit dem Impuls, die neuen Technologien bis an die Grenze des Machbaren ausprobieren zu müssen. Wie zum Ausgleich dafür werden ausgemusterte Versatzstücke der Industriekultur zum Designobjekt umfunktioniert, und alte Materialien wie Aluminium und Plexiglas werden durch neue Verarbeitungsmethoden verjüngt.
„Near and Far“ – Teil eines Ganzen
Der Trend „Near and Far“ gewinnt Poesie aus der Kombination von Dingen, die eigentlich nicht zusammenzupassen scheinen: Kunststoff wird wie Naturmaterial verarbeitet, einfache Materialien und Hightech-Konstruktionen werden kombiniert. In Anlehnung an die Naturprinzipien wird der Bezug von Mikro- und Makrokosmos, vom Detail auf das große Ganze gesucht. Nachhaltiges Design denkt in Systemen und beschränkt sich nicht auf recycelbare Materialien - es geht mehr um die Idee selbst, um die Möglichkeiten des nachhaltigen Produzierens und Gebrauchens. Das Prinzip der Vergänglichkeit selbst wird zum Gestaltungsthema, denn Wandel ist ein notwendiger Teil eines nachhaltigen Systems. Paradoxerweise erhält das einzelne Möbel dadurch eine größere Bedeutung als autarkes, selbstgenügsames Objekt, das durch seine pure Existenz begehrenswert erscheint. Schließlich ist das Ganze nur die Summe seiner Teile. Farblich ist „Near and Far“ mit einem warmen Grau mit viel Weiß und ein wenig Beige sowie rosé-farbenen Akzenten eher zurückhaltend. Als Materialien kommen natürliche Werkstoffe wie Seegras und Bambus verstärkt zum Einsatz. Die filigranen Formen und transparenten Strukturen unterstützen die flüchtige und zerbrechliche Ästhetik dieser Designelite.
„Tepee Culture“ – Optimismus pur
Aus „Tepee Culture“ spricht die reine Lebensfreude einer optimistischen Generation, die ihre Naturverbundenheit und Einrichtungslust nicht etwa mit opulenten Formen, sondern mit der Originalität, Emotionalität und Rätselhaftigkeit einzelner Ausstattungsstücke auslebt. Design bedeutet ökologische Verantwortung, und die Wohnung wird zu einer idealen Welt, in der Möbel und Leuchten mit den freundlichen Geistern der Tiere beseelt scheinen, deren Formen sie zitieren. Papier als Konstruktionsmaterial steht für Nachhaltigkeit, und raue Oberflächen und wiederverwertete Materialien für die Echtheit und Geschichte der Möbel. Kreisformen werden mit Motiven aus der Fauna oder auch mit Vogelfüßen kombiniert, und Leuchten erinnern an vielarmige Oktopusse. Ein sattes, warmes Rot dominiert. Es wird von Braun- und Grüntönen begleitet und mit Ocker und Blau akzentuiert.
„Re-Run Time“ – Erneuerung der Vergangenheit
Es sind die Formen, die überdauern – das ist das Nachhaltigkeitsverständnis im Interior Trend „Re-Run Time“. Hier wird noch eine Wahrheit in den Formen gesucht, natürlich mittels ihrer Reduktion auf das Wesentliche. Die Menschen wollen Sicherheit und bevorzugen Konstanz vor Wandel, Selbstverständlichkeit vor Originalität. Was sich bewährt hat, wird ein zweites Mal ins Rennen geschickt: klassische und einfache, pure Formen, Form gewordener Alltag. Als Träger der Erinnerung an alten Stil und überliefertes Wissen werden sie fit gemacht für die Zukunft, indem sie so lange verfeinert werden, bis ihr wahrer Wert in jeder Pore offenbar wird. Oder indem ein Detail, eine Proportion oder Dimension verändert wird. Beige ist die Grundfarbe und wird mit Rot- und Brauntönen zusammengestellt. Es dominieren natürliche Materialien wie Leder, Rosshaar, Seide, Wachs oder Holz.
Das Trendboard – ein Expertenteam ermittelt
Auch dieses Jahr besteht das Trendboard aus neuen und alten Mitgliedern. Die Kontinuität wird durch zwei kreative Persönlichkeiten gewährleistet: Zum einen durch den New Yorker Designer, Kreativberater und Kritiker Stephen Burks, der sich mit seinem Studio „Readymade Projects“ auf Interior Design sowie auf Verpackungs-, Leuchten-, Industrie- und Möbeldesign spezialisiert hat. Schon zum vierten Mal dabei ist der Architekt Eero Koivisto, der für seine internationalen Bau- und Interior Design-Projekte bekannte Partner des Stockholmer Büros „Claesson Koivisto Rune“, der sowohl in der Architektur als auch in der Designwelt zuhause ist. Neue Impulse kamen dieses Mal von dem bekannten Londoner Autoren und Redakteur des in der Szene hochgeschätzten Online-Magazins „Dezeen“, Marcus Fairs, sowie von dem Israeli Arik Lévy, der als Grenzgänger zwischen Kunst und Design gilt und heute als Art Director, Designer und Inhaber des Studios „Ldesign“ in Paris arbeitet. Er erhielt jüngst von der Zeitschrift „Elle Decoration“ die Auszeichnung „Designer des Jahres 2008“. Als ausgesprochener Materialspezialist ist dieses Jahr der aus der italienischen Kreativ-Hochburg Udine kommende Designer und Textilberater Giulio Ridolfo dabei, der durch seine ausgefallenen Arbeiten für Patricia Urquiola von sich reden gemacht hat.
Bild: Koelnmesse
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